Les Maintenants
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Eröffnung: Fr, 19.02.2021 | 15 Uhr
Kabinett
20.02.2021 - 25.05.2021

Les Maintenants

Marlies Pöschl ist die Preisträgerin des Förderpreises des Salzburger Kunstvereins / Land Salzburg 2019, der mit einer Präsentation ihrer Arbeiten im Kabinett verbunden ist. Das Werk der Künstlerin bewegt sich zwischen Film, Forschung, Experiment und philosophischen Reflexionen über Menschlichkeit, Ethik und der Zukunft der Technologie. Kollaboration ist zentral in Pöschls künstlerischer Praxis, so ist sie u.a. Gründungsmitglied und Obfrau von The Golden Pixel Cooperative (einem Kollektiv von Künstler_innen, die mit Bewegtbild arbeiten).

Die Arbeit Marlies Pöschls zeichnet sich durch ihren doppelbödigen Charakter aus. Ihre Filme, die sich häufig auf Science-Fiction und feministische Theorie beziehen, knüpfen an eine bekannte, alltägliche Realität an. Dennoch ist nichts so, wie es zunächst scheint. Besonders durch die Zusammenarbeit mit Kindern und Laiendarsteller_innen erzeugen Marlies Pöschls Filme einen aufwühlenden Effekt. Dieser Einsatz von Desorientierung in ihrer Arbeit ist beabsichtigt, sogar strategisch, da er dazu beiträgt, das was augenscheinlich wirkt, zu untergraben. In ihren Arbeiten klingen immer wieder virulente Zukunftsfragen an, darunter auch jene, wie sich beispielsweise Empathie und (Alten-)Pflege durch den technologischen Fortschritt verändern könnten. Oder wir begegnen unheimlichen, wundersamen Landschaften, die auf existierenden Realitäten beruhen, wenngleich sie auch durch den futuristischen, kritischen Blick der Künstlerin gefärbt sind. Ihre Kunstwerke sind ebenso zeitgemäß wie vorausschauend in ihrem fortwährenden Bestreben, eine Welt darzustellen, die sich rasant verändert.

Zwei der in dieser Ausstellung präsentierten Arbeiten sind das Ergebnis eines umfangreichen pädagogischen Projekts, das sich an eine heterogenen Gruppe von Teilnehmer_innen richtete – u. a. Kinder, Jugendliche und Senioren – und sich mit der Automatisierung von Emotionen beschäftigt. Marlies Pöschls Film Aurore zum Beispiel ist ein kollektiv verfasster Science-Fiction Film, in dem Les Maintenants – eine fiktive Firma, die Pflegeroboter entwickelt – eine zentrale Rolle spielt. Zugleich ist Les Maintenants (frz.) eine sprachliche Neuschöpfung, sie meint wörtlich übersetzt, den Plural von „Jetzt“ (maintenant) – eine ständig wiederholte, ewige Gegenwart. Die Frage nach der Zeit ist zentral in Marlies Pöschls Arbeiten: einerseits im gemeinsamen Spekulieren über eine Zeit, die kommt, andererseits als Zukunft, die immer schon die Vergangenheit in sich trägt.

 

Diese Filme sind sorgfältig konstruierte Narrationen, in denen Mythos, Dokumentation und Science-Fiction sich überlagern und gegenseitig bereichern. Aber wir erleben auch ein Art Innehalten, indem die Künstlerin eine alternative Zeitlichkeit, die gewohnte Rhythmen hinterfragt und standardisierte Zeit-Zonen überschreitet, zu formulieren scheint. In Ihren Recherchen bewegt Pöschl sich an Orte, die an den Rändern der Gesellschaft liegen und nach einer eigenen Logik funktionieren. Zum Beispiel steht das Leben von Senior_innen in verschiedenen Senioreneinrichtungen im Zentrum dieser drei Arbeiten: Wie würden die Häuser, in denen sie leben in 20 Jahren aussehen? Welche emotionale Verbindung haben sie zu technologischen Geräten? Was bedeutet Körperlichkeit für sie? Würden sie ihren Körper aufgeben und zu einer künstlichen Intelligenz werden?

Pöschls Arbeiten beschäftigen sich mit den veränderten Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren, die durch neue technologische Entwicklungen entstehen. Wesentlich dabei ist, dass sie die Nutzer_innen miteinbezieht, um gemeinsam mit ihnen zu erzählen. Ihre Filme entstehen aus kollektiven Prozessen, in denen sie temporäre Gemeinschaften initiiert – Workshops, Chöre und fiktive Startups. Mittels einer vielseitigen Methodologie wird so – jenseits der Sprache – gemeinsam ein Wissen über ungewisse Zustände formuliert, das auf der Bedeutung von Wechselseitigkeit, Resonanz und Situiertheit beharrt.

 

Die Filme

Simple Whistles
2020, FR/AT, HD Video, Französisch mit englischen Untertiteln, Farbe, stereo, 11 min

Die Zeit steht still. Parzival betritt ein verwunschenes Schloss. Die Menschen scheinen wie erstarrt, doch das Gebäude hat ein Eigenleben entwickelt. Fenster wachen über die Menschen, Decken messen ihre Temperatur, der Boden hört mit. 

Dieses Video vermischt die mittelalterliche Legende von Parzival mit einer futuristischen Vision eines Altersheims, das von einer Gruppe von Senior_innen entwickelt wurde. Ausgehend von einem gemeinsam geschriebenen Gedicht experimentiert diese Chor-Performance mit konkreter Poesie, aber auch mit den Geräuschen der Maschinen, welche die Senior_innen in ihrem Alltag umgeben. Der Chor setzt sich aus Bewohner_innen eines betreuten Wohnprojekts und Mitgliedern des Chors la Clé des chants zusammen.

Schatzalp
2021, TH/AT, 360 Grad VR, deutsche Fassung, Farbe, Ton, 13 min

Dieser rätselhafte VR-Heimatroman verschränkt den Alltag in einem Long Stay Ressort für europäische Senior_innen in Südost-Asien mit fiktionalisierten Anekdoten – ausgehend von Erinnerungen an die Heimat, welche die „Gäste“ auf diesen Ort projizieren. Der unsichtbare Erzähler Beat führt uns durch eine Gegend, die sich scheinbar kaum von jedem anderen typischen Schweizer Dorf unterscheidet. Und doch ist es, als hätten sich einige Dinge leicht verschoben, als wären wir in einem virtuellen Spalt zwischen hier und dort. So manches hier macht den Anschein, aus Thailand zu stammen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir uns gar nicht in der Schweiz befinden. Der Text des Videos, der von einem Schauspieler vorgetragen wird, ist eine ästhetisch verdichtete Fiktion, die sich aus Gesprächen zwischen der Künstlerin und den Bewohner_innen dieses Resorts speist. Obwohl sie klar und selbstbewusst gesprochen sind, wirken die Beschreibungen des Erzählers verworren und manchmal scheinen verschiedene Orte und Zeiten zu verschwimmen, was das Erleben dieses Films noch desorientierender macht.

Schatzalp ist der erste von drei Teilen eines VR-Films zu diesem Thema.

Aurore
2019, FR/AT, 2K Video, Französisch mit deutschen Untertiteln, Farbe, stereo, 21 min

Aurore ist eine Stimme ohne Körper, sie lebt in einer Lücke, residiert im Interface. Sie ist in der Tat eine künstliche Intelligenz, die für die Pflege älterer Menschen entwickelt wurde. In einem Pflegeheim südlich von Paris leistet sie den alten Bewohner_innen Gesellschaft. Rein technisch gesehen kann sie aber an vielen Orten gleichzeitig arbeiten. 

Dieser halbdokumentarische Science-Fiction Film über die Zukunft der Pflege und die Automatisierung von Emotionen ist im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts entstanden, das Marlies Pöschl während ihrer Künstlerresidenz am CAC Brétigny, Paris, durchgeführt hat. Alle Elemente, die in diesem Film vorkommen, sind in Zusammenarbeit mit den Teilnehmer_innen – Grundschulkindern, Gymnasiast_innen und Senior_innen – entstanden. Der zweite Teil des Films ist eine Zusammenarbeit zwischen Pöschl, dem Komponisten Peter Kutin und der Vokalkünstlerin Agnes Hvizdalek. Aurore ist ein Versuch, Science-Fiction anders zu schreiben: im Dialog und „im Dialekt“. 

Marlies Pöschl (*1982, Salzburg) ist Künstlerin und Filmemacherin, sie lebt derzeit in Wien. Sie ist Absolventin der Akademie der Bildenden Künste Wien, wo sie von 2018 bis 2020 unterrichtete. Als Gründungsmitglied und Obfrau von The Golden Pixel Cooperative setzt sie sich für nachhaltige Bedingungen der Produktion und Distribution von Bewegtbild ein. Pöschl ist Förderpreisträgerin 2019, außerdem wurde sie u.a. mit dem Jahresstipendium für Medienkunst des Landes Salzburg und dem Content Vienna Award ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden in verschiedenen Einzelpräsentationen gezeigt, zuletzt im ÖKF Warschau (PL), im CAC Brétigny (FR), im MUSA, Wien (AT) am Donaufestival (AT) sowie in den Studios Lenikus (AT). Sie nahm an Biennalen und Filmfestivals teil, wie der Vienna Biennale (AT), dem Antimatter media art festival (CA), Edinburgh International Film Festival (GB), Cinema Verité (IR), Diagonale (AT) u.a. Ausgehend von kollaborativen Projekten und verschiedenen Formen des Austauschs schafft Pöschl multiperspektivische Filme und Installationen. Sie versteht Filme machen als soziale Praxis und bezieht den Prozesscharakter des Films in ihre Arbeit mit ein.

Zur Ausstellung erscheint im Schlebrügge Verlag das Buch Les Maintenants.

 

Marlies Pöschl. Les Maintenants (20.02-25.04.2021)